My Second Self

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  • Artist: Florian Krumpöck
  • Release: 18. September 2020
  • Catalog No: Q-2003

Pianistische Entdeckungen

Seit der Pianist Florian Krumpöck auch dirigiert, ist er sich seiner Verantwortung für jeden einzelnen Ton noch bewusster geworden. Denn im Gegensatz zum orchestralen Zusammenspiel muss er diese an der Klaviatur zur Gänze allein übernehmen. Dies endete in einer neuen Fassung des Soloparts für Dvořáks frühes Klavierkonzert op. 33 und einer späten, intensiven Liebe für Chopin. Beides kombiniert eröffnet den Zuhörenden neue Perspektiven. Florian Krumpöck ist ein neugieriger Brückenbauer, der den Dingen mit einer gewissen Gelassenheit auf den Grund geht. Er hat Zeit für Vieles und verliert dabei das Wesentliche doch nie aus dem Blick. Ein paar Noten mehr für Dvořák hier und ein bewusst natürliches Rubato für Chopin dort. Dazwischen findet sich auch Zeit und Muße für einen charmanten Gedankenaustausch im Kaffeehaus.

Eine definitiv böhmische Großmutter gibt es nicht. Dennoch köchelt im Herzen des Musikers die Liebe zur Symphonik Antonín Dvořáks schon lange. Diese wiederum veranlasste ihn, den Solopart des Klavierkonzertes op. 33 gänzlich neu zu bearbeiten. Denn warum soll nach der herrlichen Orchestereinleitung plötzlich weniger Dvořák zu hören sein, noch dazu, wenn ein Dirigent am Klavier sitzt? Es ging Florian Krumpöck in erster Linie darum, die Klangideen Dvořáks, die zwischen den Zeilen deutlich zu lesen sind, mit pianistischen Mitteln, die dem Komponisten zu diesem Zeitpunkt noch nicht zur Verfügung standen, umzusetzen. Dessen späte Klavierkammermusik diente ihm dabei als Vorbild. Die klare, geradezu Beethoven‘sche Herangehensweise des Originals ließ Krumpöck auch rasch an der virtuosen Bearbeitung von Vilém Kurz (1872-1945) zweifeln. Kamen dabei doch Noten hinzu, die von Dvořák wenig bis gar nichts wissen, sondern den Klavierpart vielmehr in Richtung Rachmaninow „aufblähen“.

Dvořáks Klavierpart schafft in der Gesamtklangwirkung Konturen. Die Aufnahme mit Sir András Schiff begleitete Florian Krumpöck schon seit Kindheitstagen. Folgende Frage stellte sich also: Wie hätte Dvořák mit der gewonnenen Erfahrung seines zweiten Klavierquintetts oder des Dumky-Trios den Solopart pianistisch gestaltet? Krumpöck hat mehr Noten hinzugefügt als weggelassen und teilweise auch anders aufgeteilt. Da geht es vor allem um die heiklen Oktavbezirke am Klavier: „Unisono im hohen Diskant klingt nun mal nicht. Eine Oktave tiefer, ein wenig mit Akkorden ausgefüllt und schon duftet es zwischen den Zeilen. Auch ein alternierendes Akkord- oder Oktavspiel erzeugt mehr Farben als reine Unisono-Passagen.“ Letzten Endes geht es auch darum: „Hört man die Klavierstimme überhaupt, ohne dass das Orchester ständig auf Halbmast fahren muss?“ – vor allem natürlich im Konzertsaal. Im Vergleich zur Klangwirkung etwa von Brahms‘ zweitem Klavierkonzert bleibt bei Dvořák selbst das Spielen aller Noten (was in beiden Fällen eine Herausforderung darstellt) vergleichsweise wirkungslos. Krumpöcks Hauptidee ist es, so weit wie möglich am Original zu bleiben und jenes mit ein paar pianistischen Kniffen klingend zu rehabilitieren.

Dvořáks Klavierkonzert streift Tschaikowsky im ersten Satz, Ravel im zweiten und wirft mit dem chromatisch aufgebauten Thema des dritten Satzes den Blick weit in die Zukunft, eingebettet in den Tanzrhythmus einer urslawischen Seelenlandschaft. Dabei zeigt sich, wie sehr auch etwa Dvořáks Fürsprecher Brahms von jenem profitierte: Eine Passage in der Coda des dritten Satzes findet sich pianistisch gesehen eins zu eins bei Brahms im ersten Satz des zweiten Klavierkonzertes wieder, welches einige Jahre später entstand. „Ein leichtes G- Dur hier, ein schweres f-Moll dort – Brahms hat sich das sehr genau angesehen.“ Hier stoßen wir auf eine Besonderheit Dvořáks, der im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen keinen pianistischen Hintergrund hatte, war er doch Streicher! Daher rührte auch die Idee, Dvořák mit Chopin zu kombinieren, der wiederum kein einziges Werk ohne Klavier komponierte. Ziel der Neufassung des Soloparts ist es, das Klavierkonzert wieder als Standardrepertoire auf die Konzertbühne zu bringen. „Es wäre einfach schade um diese großartige Musik!“

Bis zur Aufnahme des Dvořák-Konzerts hat sich Florian Krumpöck stets, auch was die Abstimmung seiner Instrumente betrifft, intensiv um die Orchesterfarben in Beethoven- oder Schubert-Sonaten bemüht und ist hier zum Teil sehr extreme, eigene Wege gegangen. Bei Dvořák verhielt es sich plötzlich umgekehrt. Wie kann man etwas, das an sich orchestral ist, pianistisch wirkungsvoller umsetzen? Dadurch hat er sich wiederum ausgiebig mit dem rein „pianistischen Aspekt“ des Klavierspiels auseinandergesetzt, eigentlich einem Thema seiner Jugend, in der Liszt und die virtuosen Russen den Weg säumten. Und so kam Chopin auf das Tapet, den der Pianist Krumpöck bis dato eher ausgeklammert hatte. Mit Mitte Dreißig entbrannte seine unglaubliche Liebe zu Chopin und dessen „mitunter verkannter symphonischer Pianistik im Belcanto“. Er kämpft dagegen an, dass Chopin oft in gewisser Weise sogar unterschätzt und mit einer süßlichen Oberflächenbehandlung abgespeist wird. Für Krumpöck spielt in Sachen Chopin das Rubato die Hauptrolle. Denn ein wirklich natürliches Rubato, wie ein Sänger es singen würde, hört man in Chopin-Interpretationen unglaublich selten. „Es wirkt immer irgendwie artifiziell, aus welchen Gründen auch immer. Chopins Lieblingskomponist war doch Bach! Jeden Tag spielte er aus dem ‚Wohltemperierten Klavier‘, was sich etwa bei der h-Moll-Sonate auch sehr gut erahnen lässt. Das Werk ist in der Durchführung äußerst kontrapunktisch angelegt. Chopin hat auch harmonisch irrsinnig viel gewagt und zugespitzt. Das grenzt beinahe schon an Richard Wagner!“ Vielleicht war es für Krumpöck in diesem Zusammenhang also genau richtig, zunächst die 32 Beethoven-Sonaten und erst dann Chopins Klavieruniversum zu inhalieren.

Stichwort Fantasie op. 49: „Alles, oder sagen wir vieles von Chopin ist eine hochgradig stolze, politische Musik.“ Das spielt für Florian Krumpöck, der sich selbst so gar nicht „im neuen Biedermeier mit seiner Wohlfühlzone“ verorten kann, eine große Rolle. Chopins revolutionärer, kritischer Charakter soll in seiner Interpretation der Fantasie Einfluss finden. „Es kann nicht immer alles nur schön sein. Die ‚strenge Sonatensatzform‘ war natürlich auch Chopins Ziel, und vielleicht wollte er sich auch in jenen Dingen, die ihm nicht besonders leichtfielen, beweisen.“ Bach und Beethoven dienen ihm dabei gleichermaßen als Sog und Rückversicherung. „Die klassische Sonatensatzform lag Chopin nicht so im Blut wie das Rhapsodische oder Improvisierende. Die Durchführung des ersten Satzes hat aber beinahe schon Beethoven‘sche Qualität, der dritte Satz hingegen bildet ein eigenes Epizentrum mit seinem tiefempfundenen Belcanto. Der Mittelteil des langsamen Satzes oszilliert wiederum in einer faszinierenden Verknüpfung aus Girlanden und Melodie.“ Auf die Expositionswiederholung verzichtet Krumpöck bewusst. Die Rückführung klingt ihm allzu konstruiert und das Werk scheint ihm ohne Wiederholung formal geschlossener – was andererseits natürlich niemals für Beethoven oder Schubert gelten würde. „Das Trio des Scherzos bringt mit einer Melodie, die man eigentlich nicht nachsingen kann, eine wahre Besonderheit!“ Belcanto à la Chopin.

Ursula Magnes

Florian Krumpöck – My Second Self

Antonín Dvořák
Klavierkonzert g-moll, op. 33

Frédéric Chopin
Fantasie in f-moll op. 49
Klaviersonate Nr. 3 h-moll op. 58

Florian Krumpöck, Klavier
Staatsphilharmonie Nürnberg
Marcus Bosch, Dirigent